All das ist China, oder: Aufräumen ist angesagt! (Freitag, 20. Juli 2018)

Nun sitze ich also hier im Flieger Richtung Frankfurt und sechs Wochen Ferien/Urlaub können beginnen. Darauf freue ich mich sehr – Erholung, Familie, Freunde, England, mein Wohnmobil, Vollkornbiobrot, Eier aus artgerechter Haltung, richtig saubere Luft (auch in Stuttgart) …

Und gleichzeitig ist es ein Moment, um innezuhalten und „aufzuräumen“. Dies habe ich getan, indem ich Bilder aus den vergangenen Monaten ausgesucht habe, die in keinem Blogbeitrag untergekommen sind. Und es ist unglaublich, welch wunderbare Erinnerungen das jetzt schon sind, obwohl die Ferien ja nur eine Unterbrechung darstellen: das erste Drittel meiner voraussichtlichen drei Jahre im Land der Mitte ist soeben zu Ende gegangen, zwei weitere Jahre liegen vor mir!

In meinem letzten Blogbeitrag haben ein wenig die skeptischen, kritischen Gedanken überwogen. Aber als ich mir selbst die Bilder gerade nochmal angesehen habe, war etwas ganz anderes beherrschend: Freude, Dankbarkeit, Liebe.

Freude darüber, ein ganz besonderes Jahr in meinem Leben hinter mir und zwei weitere vor mir zu haben. Dankbarkeit dafür, dass ich das Privileg habe, dies tun zu können – und Dankbarkeit an alle Menschen, in China und zu Hause, die mich dabei unterstützen. Liebe für ein Land voller Gegensätze – ein Land und seine Leute, die mich manchmal auch nerven oder gar zur Verzweiflung treiben; ein Land und seine Leute, die mich aber eben auch fesseln und berühren; ein Land, das so anders ist als Deutschland, und wo eben doch die gleichen Merkmale des Menschseins zu beobachten und zu erleben sind, nur anders, zugleich versteckter und krasser, abstoßender und liebenswerter – die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Bei meinem Kurztrip nach Jinan und Qingdao hat mich mein chinesischer Freund Xiao Guang gefragt, was mir in China denn am besten gefallen würde. Ich habe kurz überlegt und einige Dinge sind mir durch den Kopf geschossen, aber dann kam es doch recht deutlich und spontan: China ist das Land des Lächelns … nun ja, in oder ab dem Moment, wo man mit den Menschen etwas „zu tun“ hat, und sei es auch nur eine minimale Kontaktaufnahme, das eigene Lächeln, ein Wort … dann ist da diese offene Freundlichkeit und Neugier, gepaart mit einem Lächeln und strahlenden Augen (welches allerdings dann völlig fehlt, solange man selbst für „die“ Chinesen nur einer unter Millionen ist: auf dem Gehweg, in der U-Bahn ….)

China ist für mich – vielleicht noch mehr als manch‘ andere Länder, die ich erleben durfte – ein Land voller Kontraste. Habe ich mich gerade deshalb oder trotzdem in dieses Land und seine Leute verliebt? Ich bin mir nicht sicher. Aber ich weiß, das zweite Jahr (und das dritte) wird (werden) spannend – und vielleicht war mein letzter Blogbeitrag etwas zu pessimistisch. Einiges ist nicht ganz einfach hier, aber das Positive überwiegt; der Menschen wegen, die ich echt ins Herz geschlossen habe: meine Kolleginnen, meine Schüler, die 1.4 Milliarden, oder zumindest ein paar Millionen darunter 😉

Und noch etwas anderes ist wichtig: manchmal habe ich ein wirklich schlechtes Gewissen, weil ich, wenn ich das Leben in diesem Land beobachte, weiß, wie privilegiert ich bin, in Europa geboren zu sein und leben zu dürfen, und dazu noch in Deutschland. Aber viel häufiger macht mich diese Erkenntnis dankbar und zeigt mir, wie wichtig es ist, das eigene Glück zu erkennen und es dann – auch im Kleinen – ab und an zu teilen; auf ganz unterschiedliche Art und Weise.

Nun denn – heute also eine nicht ganz kleine Bilderauswahl aus den vergangenen Monaten. Wenn ich in den nächsten Tagen und Wochen Zeit habe und Lust empfinde, werde ich das ein oder andere noch mit einer Bildunterschrift versehen, vielleicht; sukzessive (Geduld also, bitte!) … und vielleicht auch nicht. Denn sowohl die Lust als auch die Zeit könnten Mangelware sein. Ich schau‘ einfach mal, was sich machen lässt – denn ich weiß ja, das ein oder andere Bild wird ohne Erklärung erklärungsbedürftig bleiben 😉

 

 

Meine Arbeit oder: 03 + 04 = 111 + NDO.

Zum ersten Mal seit knapp 2½ Monaten sitze ich mal wieder im Zug von Taiyuan nach Xi’an – nach einem eintägigen Workshop mit 12 Schülerinnen beider Fremdsprachenschulen in Taiyuan, die im Herbst / Winter die DSD II-Prüfungen ablegen möchten. Da sich zudem das erste Schuljahr allmählich dem Ende entgegen neigt, berichte ich mal etwas mehr über meine Arbeit hier in China. So möchte ich – bevor ich den nächsten Text zu irgendeinem Ausflug oder einer Reise veröffentliche und meine Leser denken könnten, ich arbeitete ja gar nicht – vor allem einen Rückblick auf die Monate März und April schreiben, aber auch ein paar grundsätzliche Dinge erklären.

Das Deutsche Sprachdiplom gibt es in zwei Stufen: DSD I auf der Niveaustufe B1 und DSD II auf C1-Niveau. Schüler, die das DSD II-Diplom ablegen, können sich direkt an einer deutschen Hochschule bewerben, DSD I-Absolventen müssen einen „kleinen“ Umweg gehen. Nach erfolgreicher Teilnahme an den sogenannten C-Tests, die sehr schwer sind, bekommen knapp 150 von fast 300 Chinesen einen Platz an einem Studienkolleg in Deutschland. Hier werden sie ein Jahr lang sprachlich und inhaltlich fit gemacht für ein Studium in Deutschland. Dieses können sie beginnen, wenn sie nach dem einjährigen Besuch des Studienkollegs die sogenannte Feststellungsprüfung bestehen.

So ist das DSD-Programm Teil einer begrenzten Zahl von Möglichkeiten, als Chinese zumindest für ein paar Jahre nach Deutschland zu kommen. Einige, oder deren Eltern, möchten das vor allem, weil die Hochschulbildung in Deutschland hier einen sehr guten Ruf genießt und die Plätze an begehrten, im Ranking weit obenstehenden chinesischen Unis sehr rar sind. Die Aussicht, in Deutschland zu studieren, ist für ihre berufliche Zukunft von enormer Bedeutung, gerade weil die Konkurrenz um eine gute Ausbildung in China sehr hoch ist. Manche jedoch erhoffen sich noch ganz andere Dinge und viel mehr davon: die Gelegenheit, einmal ein ganz anderes Leben zu führen und ihren Horizont zu erweitern.

Die Zahl derjenigen, die es am Ende schaffen, direkt nach dem Gaokao, dem chinesischen Abitur, nach Deutschland zu kommen, bleibt jedoch recht überschaubar – insbesondere wegen der begrenzten Anzahl an Plätzen in den staatlichen Studienkollegs. DSD I-Absolventen, die dort keinen Platz ergattern, landen zum Teil in den Fängen von privaten Firmen, die sie zu horrenden Preisen nach Deutschland vermitteln – im besten Fall an gute private Studienkollegs, wenn es nicht so gut läuft, an eher unseriöse und im schlimmsten Fall zur Teilnahme an horrend teuren Sprachkursen in Deutschland, die nicht immer zum gewünschten Erfolg führen. Mein Arbeitgeber, die ZfA, arbeitet natürlich mit diesen Vermittlern oder mit privaten Studienkollegs nicht zusammen. So kann auch ich unseren Schülern auf diesen Wegen nicht helfen.

Warum schreibe ich all dies? Um zu zeigen, wie wichtig für manche Schüler Deutschunterricht und DSD-Programm sind und wieviel für sie davon abhängt, ob sie die Prüfungen schaffen und einen Platz am Studienkolleg bekommen. Deshalb werden z.T. die Antworten auf eine ganze Reihe von erwarteten Fragen in der mündlichen Prüfung einfach auswendig gelernt, deshalb kämpfen die Kolleginnen bei der Prüfungsbewertung um jeden Punkt für ihre Schüler und deshalb kann es schon vorkommen, dass wenige Minuten, nachdem ein Prüfling durchfällt, der Schulleiter die Deutschlehrerin anruft und nachfragt, wie das denn sein könne – nachdem er selbst direkt zuvor einen Anruf der Eltern erhalten hat. Dem Anspruch und den hohen Erwartungen entgegen steht die schwierige Unterrichtsrealität insbesondere an den DSD I-Schulen in Xi’an. Die Schüler lernen Deutsch zusätzlich zu all ihren anderen Fächern – in der 12. Klasse zum Beispiel in 10 Wochenstunden, die in den Mittagspausen und in den Hausaufgabenstunden stattfinden, also dann wenn die anderen Schüler frei haben, zu Mittag essen, sich ausruhen oder Hausaufgaben machen können. Zusätzlich zu Unterricht von kurz nach 7 bis 7 abends und zu mehreren Stunden Hausaufgaben, die bis in die Nacht hinein für andere Fächer zu erledigen sind. Wen wundert es da, dass immer wieder Schüler vom Deutschunterricht abspringen und diejenigen, die dabeibleiben, oft völlig übermüdet sind, keine Zeit finden, Vokabeln zu lernen, Deutschhausaufgaben ordentlich zu machen etc.

Die meisten Schüler sind dabei grundsätzlich motiviert, neugierig, total nett und offen. Und ich hab‘ sie wirklich ins Herz geschlossen! Umso mehr tut es dann weh zu sehen, wie sie an ihre Grenzen geraten oder darüber hinaus bzw. es einfach nicht mehr schaffen; oder dass sie eben kaum eine Chance haben, den Traum zu verwirklichen, zum Studium nach Deutschland zu gehen. Und umso schwieriger ist es für mich als Prüfungsvorsitzenden in den mündlichen Prüfungen, die Entscheidung zu treffen, dass es dann eben nicht mehr reicht für B1 und das erhoffte Diplom.

Womit ich beim Thema der Überschrift wäre: im März und April hatte ich bei insgesamt 111 mündlichen DSD-Prüfungen an vier Schulen in drei Städten (Xi’an, Taiyuan und Lanzhou) den Prüfungsvorsitz inne und direkt im Anschluss fand dann in Xi’an die Nationale Deutscholympiade (NDO) statt, an der ich organisatorisch und bei der Durchführung als lokaler Vertreter der ZfA beteiligt war. Sie wurde hauptsächlich vom Goethe Institut und von der ausrichtenden Fremdsprachenschule Xi’an organisiert und war eine gelungene und schöne Veranstaltung, deren Sieger im Juli zur Internationalen Deutscholympiade in Freiburg fahren.

03-04 war eine wirklich intensive, bei den Prüfungen zum Teil sehr anstrengende Zeit und auch danach und bis zu den Ferien gab und gibt es immer noch eine ganze Menge zu tun. An der Nr. 89 treibe ich das Ansinnen voran, für nächstes Schuljahr ein modernes Lehrwerk einzuführen, und versuche, ein paar Strukturen zu verändern – was allerdings alles andere als einfach ist. Die Vorbereitungen für den Austausch mit Schifferstadt laufen und auch da musste ich erkennen, dass die Dinge hier nicht so leicht in sinnvollere Bahnen zu lenken sind.

Meine Arbeit wird leider dadurch nicht einfacher, dass auf Grund der langwierigen Regierungsbildung mein Finanzetat für das laufende Jahr immer noch nicht genehmigt ist und ich einige Vorhaben – wie eine Lehrerfortbildung in Taiyuan im September – gar nicht oder nur unter Finanzierungsvorbehalt planen kann; oder auch dadurch, dass die Stelle des Fachberaters in Peking, meines direkten Vorgesetzten, frühestens im Februar 2019 wieder besetzt wird.

Nach neun Monaten bin ich also zum einen halbwegs platt und zum anderen auch mit mehr Realismus gesegnet, was die Möglichkeiten der Veränderung hier angeht. Der Reiz des Neuen ist zu großem Teil verflogen, ich sehe nun auch die problematischen Aspekte meiner Arbeit und der chinesischen Bildungslandschaft sowie der schulischen Strukturen klarer – und ich hoffe sehr, dass mein zweites Jahr dennoch ein wenig Bewegung bringt und nicht zu viel Frustration. Es wird jedenfalls sicherlich schwieriger als das erste und schon deshalb freue ich mich auf die herannahenden Ferien – ich werde die Erholung brauchen.

20-Jiao Tong - Klassenfoto mit 750 Schülern (FILEminimizer)

Mit Kollegin Yu beim Fototermin des Abschlussjahrgangs an der Jiao Tong. Faszinierend, wie man ca. 700 Schüler/innen auf ein Bild bekommen kann.

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Zehntklässler an der Nr. 89 in der 10-Minuten-Pause.

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DSD I – MK – Prüfung an der Nr. 89.

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DSD I – MK – Prüfungen in Taiyuan: ungewöhnlicher, aber netter Prüfungsraum.

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DSD I – MK – Prüfungen in Taiyuan: ungewöhnlicher, aber netter Prüfungsraum.

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DSD I – MK – Prüfungen in Taiyuan: Prüfungsprotokoll (natürlich Datenschutz-gerecht).

21-Jiao Tong - Stimmung nach der DSD-Prüfung (FILEminimizer)

Nach den DSD I – MK – Prüfungen an der Jiao Tong.

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Nach den DSD I – MK – Prüfungen an der Jiao Tong.

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Kräftemessen in der 11. Klasse der Jiao Tong. Auch nicht anders als bei uns in Deutschland.

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Eine „kleine“ Überraschung der Zehner an der Jiao Tong zu meinem Geburtstag!

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Zwei Deutschschüler der Abschlussklasse an der Nr. 89 am letzten Schultag und zugleich (Klassen)Fototermin.

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Kontrollraum in der Nr. 89. In jedem Klassenzimmer hängen Videokameras.

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Proben mit ein paar Siebtklässlern der Nr. 89 für vier Sketche bei der Deutscholympiade. Theater macht mir immer noch am meisten Spaß an der Schule – und den Schülern auch!

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Proben mit ein paar Siebtklässlern der Nr. 89 für vier Sketche bei der Deutscholympiade. Theater macht mir immer noch am meisten Spaß an der Schule – und den Schülern auch!

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Proben mit ein paar Siebtklässlern der Nr. 89 für vier Sketche bei der Deutscholympiade. Theater macht mir immer noch am meisten Spaß an der Schule – und den Schülern auch!

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Proben mit ein paar Siebtklässlern der Nr. 89 für vier Sketche bei der Deutscholympiade. Theater macht mir immer noch am meisten Spaß an der Schule – und den Schülern auch!

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Probe für das Begleitprogramm bei der Deutscholympiade: Zehntklässler der Jiao Tong singen „Edelweiß“.

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Deutscholympiade: Aufbau des Anmeldetisches im Hotel.

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Deutscholympiade: Namensschilder für die Teilnehmer.

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Deutscholympiade: meine selbst produzierten ZfA-„Give Aways“.

26-NDO - mit ZfA-Aufklebern versehene Schokolade und Gummibärchen (FILEminimizer)

Deutscholympiade

30-NDO - Gruppenpreise (FILEminimizer)

Deutscholympiade: Siegerehrung.

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In Gedanken bei der Regierungsbildung 😉

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Deutscholympiade: das ZfA-Team mit QuintEssenz.

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Deutscholympiade: Begleitprogramm.

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Deutscholympiade: QuintEssenz-Konzert am Samstagabend.

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Deutscholympiade: QuintEssenz-Workshop mit den Teilnehmern.

Fahrt in die Wüste

In diesem Moment, in dem ich beginne, diesen Blogeintrag zu schreiben, fahre ich mit dem Bummelzug durch die absolute Wüste Richtung Dunhuang, der berühmten Oasenstadt im äußersten Westen der Provinz Gansu.

Ich habe 4 ½ Tage frei, da an beiden Schulen mal wieder irgendwelche die Schüler massiv unter Druck setzenden und quälenden Zwischenprüfungen stattfinden. An der Nr. 89 sind das für die Schüler der 10. Klassen zum Beispiel an zwei Tagen Prüfungen in 9 Fächern mit jeweils 1,5 Stunden Dauer. Darüber ein anderes Mal vielleicht mehr.

Ich jedenfalls nutze die Tatsache, dass ich bei Prüfungen nutzlos wäre, weil mich ohnehin niemand versteht, dafür, einen Ausflug der ganz besonderen Art zu machen. Am Mittwochnachmittag bin ich in Xi’an aufgebrochen und mit dem Hochgeschwindigkeitszug innerhalb von 9 Stunden ca. 1300 Kilometer durch den Hexi-Korridor nach Jiayuguan – faszinierende Landschaften bereits auf dem Weg!

Jiayuguan selbst ist eine bemerkenswert unaufgeregte, ruhige Kleinstadt – an sich nicht unbedingt eine Reise wert, wäre da nicht die Festung Jiayuguan, während der Ming-Dynastie und danach die westlichste Festung des zivilisierten China. Das Kaiserreich herrschte zwar über Gebiete deutlich weiter westlich, aber diese waren kaum bewohnt und wurden von den Chinesen – wahrscheinlich zu Recht – als gefährlich betrachtet, gar als von Dämonen bewohnt.

Darüber hinaus stehen dort – zum Teil wunderbar restaurierte, zum Teil wunderbar originale, zerfallende – Reste des westlichsten Teils der Großen Mauer und es gibt ein sehr gutes Museum zu eben dieser. Der eintägige Zwischenstopp hat sich also auf jeden Fall gelohnt.

Heute Morgen ging es dann um 6.30 Uhr mit dem Taxi (für 15 Yuan) zum Bahnhof, wo um 7.16 Uhr der K41 abfuhr, in dem ich jetzt noch knapp eine halbe Stunde sitze, bevor ich in Dunhuang ankomme. Dort wartet eine angeblich richtig schöne Oasenstadt auf mich – vor allem aber die weltberühmten Mogao-Grotten und die „singenden Sanddünen“. Ich bin gespannt und werde berichten.

 

Gut 48 Stunden später sitze ich bereits im Flieger und bin fast schon im Landeanflug auf Xi’an. Die beiden Tage in Dunhuang waren ganz bestimmt ein weiterer Reisehöhepunkt meiner Zeit in China. Die Mogao-Grotten mit den bedeutendsten buddhistischen Kunstschätzen weltweit waren fantastisch, Besucherzentrum und Führung sehr professionell und informativ. Zum einen gab es zwei richtig gute Einstiegsfilme (einer davon im Kuppelkino), die natürlich beide auf Chinesisch liefen. Ich bekam aber einen funkgesteuerten Kopfhörer und hatte den Kommentar – wie in einer Konferenz – parallel auf Englisch. Zum anderen war die englische Führung durch die Grotten selbst bestens, wegen des kompetenten und gut Englisch sprechenden Führers und auf Grund der überschaubaren Gruppengröße. Auf eigene Faust besuchen kann man die Grotten nicht. Sie sind zum Schutz abgeschlossen und die Fremdenführer öffnen sie dann jeweils für ihre Gruppe. Fotos vom Inneren der Grotten zu machen war leider nicht gestattet. (zum Ersatz: https://www.google.de/search?hl=de&tbm=isch&source=hp&biw=1536&bih=750&ei=oQbvWrGwEYHE6AThq7foBA&q=mogao+grotten&oq=Mogao+&gs_l=img.1.0.0l2j0i30k1l8.2940.4148.0.8000.6.5.0.1.1.0.322.322.3-1.1.0….0…1ac.1.64.img..4.2.326….0.gl4J-SUKCF0)

 

Neben zum Teil über 1400 Jahre alten Fresken, die größtenteils erstaunlich gut erhalten sind, gibt es auch die mit 35 Metern Höhe dritthöchste Buddha-Statue weltweit und einen liegenden, von einer großen Gruppe Heilsuchenden flankierten Buddha mit 27 Meter Länge zu bewundern. Die Lage der Grotten und wie sie in den Fels gehauen sind, ist dabei an sich schon völlig faszinierend. Außerdem wurden in einer versteckten Grotte in den 1920er Jahren Tausende von uralten Manuskripten und Büchern entdeckt, darunter auch das älteste Buch überhaupt. Jedoch befinden diese sich heute traurigerweise in Museen rund um den Globus und nur noch zu einem Bruchteil in China.

Warum befinden sich diese so wichtigen Grotten ausgerechnet hier? Dunhuang als Oase befand sich in der Blütezeit des traditionellen China – während der Tang-Dynastie vom 7. bis zum 10. Jahrhundert – an der Kreuzung zweier wichtiger Handelswege: der südlichen Route der Seidenstraße einerseits und der bedeutenden Verbindung von Indien über Tibet in die Mongolei andererseits. Die Stadt war ein wichtiger Umschlagplatz, ein Ort, an dem Proviante aufgefrischt wurden etc. und die beiden erwähnten Routen waren eben auch ganz entscheidende „Einfallstore“ für den Buddhismus, der aus Indien nach China kam. Während der Tang-Dynastie boomte der Buddhismus in China und wer Rang, Namen und Geld hatte oder den spirituellen Weg eingeschlagen hatte, finanzierte diese prachtvollen Höhlen oder schuf selbst eine.

Noch mehr beeindruckt haben mich allerdings die Sanddünen bei Dunhuang – und besonders schön war es, dass ich am Freitagnachmittag bei meiner ersten Tour auf die Dünen einen jungen Chinesen namens Zihua kennengelernt und die Dünenwanderung mit ihm fortgesetzt habe. Heute Morgen dann haben wir uns zum Sonnenaufgang dort verabredet. Wir trafen uns um 5.55 Uhr (vielleicht bin ich auch deshalb auf diesem Flug so besonders müde 😊) und um Punkt 6 Uhr wurde die „Scenic Area“ geöffnet, die man mit einem Ticket an drei aufeinanderfolgenden Tagen besuchen kann – vorausgesetzt, man hat sich beim ersten Besuch fotografieren lassen.

In Begleitung eines kleinen Streuners, der vom Eingang bis auf die Dünen hoch und wieder zurück nicht von unserer Seite wich, machten wir uns an den anstrengenden Aufstieg und waren fast auf der Spitze einer der Dünen angelangt, als um 6.36 Uhr die Sonne aufging. Es war unbeschreiblich schön.

Gestern war ich nach dem Besuch der Grotten noch ein wenig in der Stadt selbst, die mir ebenfalls sehr gut gefallen hat. Relativ klein, beschaulich, grün, recht wohlhabend und gepflegt, ist sie doch ganz anders als viele der chinesischen Städte, die ich bisher gesehen habe. Etwas ganz Besonderes entdeckte ich dann noch am bzw. auf dem Fluss am Westende der Stadt: kleine Inseln, die über Stege erreicht werden könne – ganz normale und solche aus „Mini-Inselchen“, faszinierend, aber eher etwas für die Jüngeren. Ich habe ihnen die normalen Stege doch vorgezogen.

Zu guter Letzt bleibt noch das Hotel zu erwähnen. Bewusst hatte ich mich in Jiayuguan in einem sehr einfachen und billigen eingemietet – nämlich damit ich in Dunhuang etwas verschenderischer sein konnte. Und das sollte sich lohnen. Das Silk Road Dunhuang Hotel war einfach nur wunderschön. Höhepunkte: die Massagepraxis (ich gönnte mir eine abendliche Fußmassage unter freiem Himmel) und die Café-/Frühstücks-Dachterrasse mit Blick auf die Dünen. Ich komme wieder!

(Die Bilder für diesen Blogeintrag bleiben zunächst mal noch ohne bzw. mit sehr minimalistischen eigenen Beschriftungen – ich muss ins Bett. Der (Reise)Tag war lang und morgen beginnt eine arbeitsame Woche)

1. Mai

Heute hat mich meine liebe Freundin Dani gefragt, wie denn der 1. Mai in China gefeiert wird. Sie, die 1988-89 ein Jahr in Peking verbrachte, konnte sich nicht mehr daran erinnern. Ich schrieb zurück, dass mir Schüler erzählt hatten, dass man am 1. Mai nichts Besonderes mache: zu Hause bleiben, schlafen, Zeit mit der Familie verbringen, essen. Ich selbst habe beobachtet, dass viele Chinesen auch heute das machten, was sie an den meisten Feiertagen machen: in Gruppen, mit der Familie durch die Stadt flanieren und shoppen. Auch wenn ich nicht ausschließen möchte, dass ich Vieles einfach nicht mitbekomme und mich deswegen täusche: mir scheint es lange nicht so viele mit Feiertagen verbundene Bräuche zu geben wie bei uns. Alleine für den 1. Mai fallen mir in Deutschland der Maibaum, das Maienstecken (im Schwabenland), die Radtour mit der Familie oder das Wandern (natürlich mit Bierwagen) mit Freunden ein.

Aber immerhin: heute Abend gab es dann zumindest ein Riesenspektakel am Südtor der Stadtmauer. Konzert, Lasershow und Tanz – allerdings war all das kaum wahrzunehmen, weil so viele Menschen unterwegs waren, dass Jing und ich zunächst nur sehr weit vom Spektakel entfernt einen Platz ergattern konnten.

Gerade als wir gehen wollten, kam dann das, wovon alle vorher geprochen hatten: 1374 computergesteuerte Drohnen (als Symbol für die 13,74 Kilometer lange Stadtmauer)  erschienen am Himmel, malten Bilder und Schriftzüge und wirkten immer wieder wie ein geräuschloses und mystisches Feuerwerk. Das war wirklich beeindruckend und etwas ganz Besonderes.

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Fahrradkauf und -tour

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Fahrradkauf: nicht ich, der Monteur/Verkäufer wollte das Bild unbedingt machen – ich vermute, ich war sein erster nicht-chinesischer Kunde seit dem Bau der Stadtmauer.

Vor ein oder zwei Wochen hatte ich den Entschluss gefasst, vor dem verlängerten Maifeiertagswochenende ein Rad zu kaufen. Die Wettervorhersage für Sonntag war gut und daher wurde der Plan am Samstagabend nach dem Unterricht in die Tat umgesetzt. Nachdem Zhengping Li sein Angebot, mir dabei zu helfen, wegen eines wichtigen Termins kurzfristig zurückziehen musste, zog ich alleine, nur mit meiner Wechat-Übersetzungs-App „bewaffnet“, los und schlug zu. Es wurde ein – im Vergleich zu Deutschland – recht günstiges, aber dennoch absolut ordentliches Trekking-Rad mit 27 Gängen. Schloss, Satteltasche, Pumpe, Multi-Werkzeug gab’s gleich dazu und gestern ging es – bei wunderbarem Wetter und recht sauberer Luft –