Keine 10 Minuten ….

…. hat es gedauert, bis vorgestern ein kleines Auto anhielt, eine junge Italienerin das Fenster auf der Beifahrerseite herunter kurbelte und mich fragte, ob ich Hilfe bräuchte. Ich glaube – und hoffe – das war der Beginn einer Freundschaft.

Aber von Beginn an: es war vom Wetter her gar kein so schlechter Tag wie angekündigt und dennoch ließ ich mir mit dem Start etwas mehr Zeit als sonst, quatschte noch mit meinen Campingplatznachbarn aus Villingen-Schwenningen (v.a. über deren und meinen Hund), nutzte noch ein Stündchen meinen kostenpflichtigen Internetzugang, ging einkaufen und machte mich gegen halb Zwölf auf die Pedalen. Die Etappe sollte nur gut 45 Kilometer lang werden – mehr oder weniger die sardische Nordküste entlang, von Ciaccia nach Aglientu.
Nach 1 ½ Stunden radeln bekam ich Hunger, wollte mir aber einen schönen Platz zum Picknick aussuchen. So folgte ich bald einem Schotterweg mit der Beschilderung „Cala Rossa“, zuerst ebenerdig, dann relativ rasch nach unten. Sämtliche Höhenmeter, die ich zuvor erarbeitet hatte, gingen flöten – aber ich hatte ja Zeit und die roten Felsen, die ich da unten am Wasser sah, machten Laune.

Kurz vor dem Ziel passierte es dann: ich fuhr über eine sandige Stelle, das Rad schlingerte kurz, ich konnte es aber abfangen, stürzte also nicht. Doch bei der Aktion hatte ich mir an einer scharfen Stelle am vorderen Schutzblech rechts die Haut an der Wade oben / innen regelrecht aufgeschlitzt. Da ich eine solche Wunde noch nie hatte, habe ich sie erst mal fotografiert und dann eine wunderbare Erstversorgung mit steriler Kompresse und Mullbinde produziert. Dann wollte ich picknicken.

direkt nach dem Unfall und vor meiner eigenen Erstversorgung

direkt nach dem Unfall und vor meiner eigenen Erstversorgung

Ich setzte mich auf den Boden und packte in Ruhe mein Vesper aus … kam aber dann nicht zum Essen, denn es hielt eben oben erwähntes Auto. Ich erwiderte auf die Frage von Valentina (so der Name der 24-jährigen Italienerin), dass ich auch noch nicht wisse, ob ich Hilfe bräuchte. Die Wunde war zwar heftig, aber irgendwie tat sie überhaupt nicht weh.

Valentina aber fackelte nicht lange und rief gleich einen Krankenwagen. Zwischenzeitlich war ein ebenso junger Italiener hinterm Steuer hervorgekommen – der 23-jährige Enrico – und machte einen genauso besorgten Eindruck wie Valentina. Mein Einwand, dass es doch keines Krankenwagens bedürfe, wurde ignoriert – ich stattdessen ins kleine Auto gesetzt und den Schotterweg nach oben gefahren, dem Krankenwagen entgegen. So kam ich um mein Picknick, die Beiden um ihren Besuch am Strand und das erste Bad im Mittelmeer, das sie auf ihrem 1-wöchigen Sardinienurlaub eigentlich nehmen wollten, der gestern bereits wieder vorbei war!

Der Krankenwagen war schon an der Abzweigung zur eigentlichen Straße, als wir ankamen – die Viererbesetzung (!) des Gefährts wollte mich sogleich ins 20 Kilometer entfernte Krankenhaus fahren, damit man die Wunde dort nähen könne. Meine Begleiter und ich waren uns einig, dass dies nicht nötig sei, die Wunde wurde ausgespült und desinfiziert, ich durfte auf eigene Verantwortung von dannen ziehen. Wir suchten in einem 5 Kilometer entfernten Ort noch vergeblich nach einem Arzt, tankten kurz, weil die Nadel schon auf Reserve stand, und verfuhren uns dann erst einmal.

Als wir wieder an der Abzweigung ankamen, schlug ich vor, in einem Restaurant direkt an der Straße zu fragen, ob ich dort mein Rad unterstellen könne – und dann gemeinsam an den Strand zu gehen und anschließend gemeinsam in Richtung Osten zu fahren. Meine beiden super netten Helfer verbrachten ihre Urlaubswoche in Porto Pozzo, ca. 15 Kilometer weiter als der Campingplatz, den ich eigentlich ansteuern wollte.

Gesagt, getan: wir fuhren nach unten und luden mein Gepäck ins Auto. Valentina setzte sich ans Steuer und Enrico fuhr mein Rad den Berg hoch! Dann stellten wir es in einem Nebengebäude des Restaurants unter, das der Kellner Ugo (!) für uns auf- und wieder zuschloss. Ich solle ihn einfach anrufen, wenn ich das Rad wieder abholen wolle – und wenn es erst in einem Jahr sei!

Enrico am "Steuer" meines Fahrrads

Enrico am „Steuer“ meines Fahrrads

Valentina am Steuer neben mir

Valentina am Steuer neben mir

Enrico, Valentina und ich fuhren gemeinsam ans Wasser – die Beiden gingen Schwimmen, ich picknickte – und machten uns dann auf in Richtung „meines“ Campingplatzes. Dort angekommen, stellten wir fest, dass er mitten in der Pampa lag, ich von dort aus zu Fuß also am nächsten Tag weder einen Arzt hätte aufsuchen können noch einen Bus nehmen, der mich zu meinem 20 Kilometer entfernt „geparkten“ Rad gebracht hätte.

Enrico und Valentina beim Schwimmen

Enrico und Valentina beim Schwimmen

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DSC03865 (FILEminimizer)

Valentina rief ihren „Vermieter“ Romolo an, der von einem Campingplatz direkt vor Santa Teresa Gallura berichtete, wo es auch einen medizinischen Notdienst gäbe. Gegen 18 Uhr kamen wir am Campingplatz an, auf dem ich im Moment auch sitze und der eigentlich noch gar nicht bereit ist für die Saison – einige Bungalows müsste man ohnehin eher abreißen. So wohnen außer mir auch nur 2 Handwerker auf dem Platz – ich habe mein eigenes kleines Privatbad und eine überdachte „Veranda“ mit Spülbecken, für 7€ pro Nacht. Zugegeben: als wir vorgestern Abend hier ankamen, war mir das alles etwas schäbig und auch unheimlich, inzwischen fühle ich mich aber richtig wohl.

Nun denn … flugs bauten Enrico und ich mein Zelt auf und fuhren dann die verbleibenden 3 Kilometer nach Santa Teresa zum Notdienst. Dieser hatte aber erst ab 20 Uhr (bis 8 Uhr morgens) geöffnet (!?), also fuhren wir nochmals an einen Strand ganz in der Nähe – Enrico ging erneut Schwimmen (Sport- und Wasserfreak!) und ich unterhielt mich mit Valentina. Sie erzählte mir, dass sie und Enrico nur Freunde seien und sich von der Uni kennen: Beide studieren Veterinärmedizin.

Dann lud ich meine Retter zum Pizzaessen ein – der Abend wurde noch schöner. Ich erfuhr, dass Valentina Veganerin, Enrico Vegetarier ist, und wir redeten über Fleischkonsum, Musik, Politik, Italien, Wein und und und …

Schließlich ging es zurück zum Notdienst. Der Arzt dort – der sich als sehr stolzer, überzeugter und gebildeter Sarde entpuppte und über mein Bein gebeugt Valentina und Enrico euphorisch, fast schon manisch von Nuraghen, ursprünglicher Religion auf Sardinien, Monotheismus und Polytheismus erzählte – schilderte nebenbei zwei Behandlungsmöglichkeiten. Man könne einen speziellen Verband anlegen, der die Schnittstellen der Wunde nach innen „schiebt“ und ein wenig wie ein Flicken wirkt, oder nähen! Ich entschied mich für ersteres, nur um dann von Herrn Sardendoktor zu erfahren, dass er keinen solchen Verband mehr finden könne. Also wurde doch genäht – ohne Betäubung! Zum ersten Mal überhaupt tat die Wunde weh. Und dann wurde mir gesagt, dass ich 3 bis 4 Tage nicht Rad fahren könne.

Kaum hatten mich meine neuen Freunde auf den Zeltplatz zurück gefahren, fing ich an zu grübeln, wie in aller Welt ich es nun bis Samstag nach Portisco an die Marina schaffen würde, um mich dort mit Susanne, Jürgen & Co. zum Segeln zu treffen – und wann ich wie mein Rad wieder holen würde, das ja 40 Kilometer in der anderen Richtung stand.

Gestern Morgen dann auf dem Fußweg nach Santa Teresa – zum Kauf der mir verschriebenen Antibiotika – schrieb ich Valentina eine SMS, ob ich denn evtl. am Abend mit ihnen in Richtung Olbia fahren könnte, von wo aus sie nach Hause zurück flogen. Dann hätten sie mich an einem Campingplatz in der Nähe von Portisco „rauswerfen“ können und mein Rad hätte ich nach dem Segeltörn „irgendwie“ wieder geholt. Zurück kam eine SMS, sie seien bereits auf dem Weg, mein Rad zu holen und kämen gegen 14 Uhr auf den Campingplatz – an ihrem letzten Urlaubstag!

So kamen sie dann auch, mit ihrem Winzlings-Mietauto und nicht mit einem größeren ihres Vermieters, wie ich vermutet hatte. Enrico hatte kurzerhand den Sattel abgeschraubt, den Lenker zer- und umgelegt, damit das Rad ins Auto passte. Mit einer Flasche Wein und – so wie bereits am Vorabend – heftigen Umarmungen verabschiedete ich mich erneut von den Beiden. Ich hoffe, ich werde sie irgendwann wiedersehen!

"Fahrradlieferung" am nächsten Tag

„Fahrradlieferung“ am nächsten Tag

Montagearbeiten

Montagearbeiten

Ich nutze die kleine (erneute) Zwangspause zum Wäschewaschen (per Hand).

Ich nutze die kleine (erneute) Zwangspause zum Wäschewaschen (per Hand).

Ach so, ja … zwischenzeitlich hatte ich mich entschieden, einfach bis morgen, Freitag, hierzubleiben und dann entweder doch mit dem Rad zu fahren oder irgendwie mit verschiedenen Bussen in Richtung Portisco zu kommen – mit oder ohne mein Rad. Also schau’n wir morgen mal, wie’s weiter geht.

Fest steht auf jeden Fall, dass ein an sich unschönes Ereignis am Ende zu einer Begegnung geführt hat, die ich nie vergessen werde, und ich mich unglaublich darüber freuen durfte und darf, dass zwei so selbstlose junge Italiener mich „gerettet“ haben. Ein Highlight meines Sabbatjahres – ein Unfall!

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