SPANIEN – ein kleiner Rückblick (einschließlich Kanaren) und Portugal

Vereinfacht und recht ungenau: meine Tour de Espana (einschl. Pausen und Abstechern) vom 7.10.12 bis zum 3.5.13

Vereinfacht und recht ungenau: meine Tour de Espana (einschl. Pausen und Abstechern) vom 7.10.12 bis zum 3.5.13

(geschrieben am 4. Mai) Als ich vor 7 Monaten, am 7. Oktober, in Barcelona ankomme, habe ich keine Ahnung, was mich da erwartet. Das Land ist mir fremd (mein 2-wöchiger Aufenthalt als 10-Jähriger bei der Familie meiner Sandkastenfreundin in Madrid ist in meinem Gedächtnis nur sehr nebulös abgelegt und die Durchfahrt mit dem Zug nach Portugal vor 24 Jahren mit kurzen Stopps in Barcelona und Madrid war eben nur eine Durchfahrt) und die Sprache auch.

So braucht es auch eine ganze Zeit, bis ich mich „einlebe“ – zu Beginn stört es mich noch, dass die meisten Spanier außer ihrer eigenen Sprache keine andere beherrschen und meine „Angebote“: „Habla Ingles, Aleman, Francès, Italiano?“ in meiner Empfindung mit einem eher harschen „No, Esapnol!“ erwidert werden, und auch insgesamt kommen mir die Spanier eher etwas reservierter vor.

Heute glaube ich zu wissen, dass dieses „No, Espanol!“ gar nicht abfällig oder spracharrogant gemeint war sondern eher aus einer Art Minderwertigkeitsgefühl heraus zu erklären ist, das eben genau damit zusammenhängt, dass man keine andere Sprache spricht. Heute weiß ich – wieder mal – wie wichtig es ist, die Sprache eines Landes zu sprechen … zumindest ein wenig … und zu zeigen, dass man gewillt ist, sie zu lernen. Auch wenn ich noch vor meinem Sprachkurs im Dezember in Sevilla einige schöne Begegnungen mit Spaniern hatte und bereits da mein Eindruck von Spanien sich zum Positiven gewendet hatte, war dieser 3-wöchige Kurs – nach welchem ich natürlich nur bruchstückhaft kommunizieren kann und die Spanier nur dann verstehe, wenn sie langsam sprechen und das Ein oder Andere drei Mal wiederholen – die entscheidende Bereicherung für die verbleibende Zeit hier.
So habe ich neben den unglaublich abwechslungsreichen und faszinierenden Landschaften Spaniens, dem Essen – v.a. der Tapaskultur – und dem Wein eben vor allem auch die Leute ein wenig mehr kennen und viel mehr schätzen gelernt. Das Land und seine Menschen sind unglaublich spannend, vielseitig, liebenswert. Die kulturellen Schätze, die Spuren einer vieltausendjährigen und schwierigen Geschichte, das Vielvölkerland Spanien (mit den nach Unabhängigkeit strebenden Katalonen (und Basken, deren Provinz ich aber nur gestreift habe), den stolzen, tatsächlich eher reservierten Einwohnern Kastiliens oder dem von der langen maurischen Herrschaft stark geprägten Andalusien, den nordafrikanischen Einwanderern dort oder auch in Barcelona) – ich glaube, Spanien könnte ich mehrere Jahre beradeln und würde immer wieder Neues entdecken können.

Gerade auch das Radfahren selbst macht hier Spaß. Es gibt relativ viele kleine, weniger befahrene Straßen, auch Via Verdes & Co. – die aber oftmals eher für Mountainbiker geeignet sind denn für Tourenradler und deren Beschilderung weit von dem entfernt ist, was wir in Deutschland kennen, aber meist ist auch das Radeln auf den Nationalstraßen zumindest ungefährlich, wenn auch nicht immer schön, da gerade sie über breite Seitenstreifen verfügen. Zudem fahren die Spanier insgesamt eher rücksichtsvoll, irgendwo zwischen den Franzosen (Top in dieser Disziplin) und den Italienern (einer der Minuspunkte meines Lieblingslandes). Besonders empfehlenswert sind die Carreteras Nacional übrigens dann, wenn parallel eine kostenlose Auovía verläuft. Umgekehrt ist es dann, wenn die parallel verlaufende Autobahn eine mautpflichtige Autopista ist – dann brummen v.a. die LKW scharenweise an einem vorbei.

Schön ist auch, wie oft man Respekt- und Sympathiebekundungen bekommt – von entgegenkommenden Rennradlern, die den Daumen nach oben recken, oder von Autofahrern, die freundlich mehrmals kurz hupen, manchmal eben auch von Fußgängern, Laden- oder Cafébesitzern, die einen ansprechen und befragen, was man denn da macht. Letzteres ist natürlich mit meinen wachsenden Sprachkenntnissen immer häufiger passiert – denn es macht einfach einen Unterschied, ob ich in einem Laden oder Café „Hello“ und „Thank you“ sage oder auf Spanisch danach frage, was denn so im Angebot ist – oder mich in der Bar danach erkundige, warum Messi denn nicht im Aufgebot gegen Bayern steht.

Auch die Entdeckung von Warmshowers.org (von einem Italiener in Évora, Portugal, empfohlen) hat meiner Tour neues ErLeben, eine weitere schöne Dimension, hinzugefügt. Bisher zwar nur 3 Mal genutzt, gehören die Begegnungen über Warmshowers dennoch jetzt schon zu den Höhepunkten und schönsten Erfahrungen des Sabbatjahres.

Sie haben mir auch erlaubt, doch noch etwas mehr Einblick in die spanische Krisenseele 2013 zu bekommen – und die ist, glaube ich, wirklich gebeutelt, frustriert sowie unserer (= Deutschlands) und der eigenen Politik gegenüber komplett desillusioniert. Die meisten Spanier fühlen sich von Angela Merkels Sparpolitik in Sippenhaft genommen, wünschen sich ein wenig mehr Luft zum Atmen, eine geringfügige Lockerung der Sparauflagen. Und ganz ehrlich – bei 27% Arbeitslosigkeit und über 50% bei den Unter-25-Jährigen – kann ich das verstehen. Die Spanier erschienen mir in den 5 Monaten hier auch nicht als Faulenzer, Schlendriane oder Partygänger sondern als fleißige, arbeitswillige und hart arbeitende Menschen in einem Land, dem aus vielen verschiedenen Gründen aber das Geld ausgeht, mit dem Arbeit finanziert werden kann. Und ebenfalls ganz ehrlich – ich habe nicht viel Zeit damit verbracht, mich mit dem Thema intensiver auseinanderzusetzen, aber ein wenig skeptisch gegenüber dem „Projekt Euro“ bin ich schon geworden. Nicht unseretwegen sondern v.a. wegen der Situation der Südländer. Kann eine gemeinsame Geldpolitik für Länder wie Spanien, Portugal oder Italien auf der einen und Deutschland, Österreich, Frankreich oder die Niederlande auf der anderen Seite wirklich funktionieren? Ich weiß es nicht … Und die Ressentiments hier, dass gerade Deutschland von der restriktiven Geldpolitik und den damit einhergehenden niedrigen Zinsen profitiert habe, könnten zumindest einen wahren Kern haben.

Von politischen und ökonomischen Gründen für die Situation einmal abgesehen – mir wurde beim Radfahren durch Spanien und Portugal v.a. mal wieder klar, wie gut es uns in Deutschland im Schnitt geht, wie gut es mir geht … und dass es Wichtigeres gibt, als noch ein paar €uro mehr zu verdienen oder ein noch schöneres Auto zu besitzen oder oder … das ist alles so sekundär – und von ein paar wenigen Übernachtungen in richtig schönen Hotels, dem seltenen Genuss etwas besserer Restaurantmahlzeiten oder eines guten Tröpfchen Rotweins abgesehen, lebe ich seit Monaten ja eher einfach – aber es fehlt mir nichts! Viel wichtiger als Luxus und Co. sind die Begegnungen, die ich habe, und die Naturerlebnisse, das draußen sein, die Umwelt wirklich wahrnehmen, spüren, riechen, die Augen öffnen … ab und an auch die Gefühle, die Empathie.

Und gerade im Hinblick auf die Landschaften, die Natur war die Zeit in Spanien ein Traum! Damit meine ich nicht die von Millionen Urlaubern heimgesuchte Südküste (die ab und an auch ihre Reize hat) sondern das Landesinnere … die Berge, Flusstäler, Wälder, Weiden, wüstenartigen Steppen und und und – zusammen mit den vielen hübschen Kirchen, Ortschaften, tollen Städten wie Barcelona, Sevilla oder Salamanca, Kulturdenkmälern wie der Alhambra oder der Mezquita. Ich hatte im Oktober letzten Jahres wirklich keine Ahnung, wie abwechslungsreich dieses Land ist – und da will ich jetzt mal Portugal mit dem Alentejo oder der Algarve mit einschließen. Es war und ist einfach wunderschön auf der iberischen Halbinsel und ich werde wiederkommen!

Doch jetzt sehe ich vom Fenster aus zunächst einmal Sardinien … und ein neuer Abschnitt des Abenteuers Sabbatour beginnt – und ich muss raus aufs Deck!

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