FAST 600 Kilometer in 7 Tagen: mit kleinen Umwegen von Salamanca nach Burgos

Zum ersten Mal seit langem kann ich mir mal wieder eine richtig ausgedehnte Mittagspause gönnen. Das Wetter, die langen Tage sowie ein erneuter Frühstart um punkt 9 machen es möglich – sowie die fast konstant ebene Strecke, die es mir erlaubt hat, um 13.30 Uhr bereits knapp 2/3 meiner heutigen Tagesetappe von Léon nach Carríon de los Condes zurückgelegt zu haben (immerhin etwas über 100 Kilometer).

Insgesamt bin ich seit meiner Abreise in Salamanca letzten Freitag gut unterwegs. Falls und wenn ich morgen Abend bei Carlos in der Calle Principal 27 in Orbaneja Río Pico (einem westlich von Burgos gelegenen Vorort) ankomme (meine erste Übernachtung bei einem „Host“ bei warmshowers.org, einer Internetplattform, auf der Tourenradler anderen Tourenradlern kostenlose Übernachtungen, Wäschewaschen, Duschen, manchmal auch ein Abendessen anbieten!), dann bin ich 7 Tage am Stück geradelt und werde auf Grund von ein paar Umwegen – die sich wie fast immer im Leben gelohnt haben* – 600 Kilometer zurückgelegt haben. Wenn ich morgen nicht doch die beiden geplanten Umwege auslasse, weil ich zu k.o. bin.

STRECKE (aktualisiert): http://tinyurl.com/bsdp2am

Das Wetter wurde dabei immer besser und vor allem wärmer, die Etappen waren sehr unterschiedlich – von einer eher drögen und noch sehr kühlen am ersten Tag über wunderschöne Landschaften im Nordwesten von Kastilien-Léon zur heutigen, fast schon heißen, durch die Kornkammer Spaniens – und natürlich gab es auch allerlei zu bestaunen. So bin ich von Spanien immer mehr begeistert, insbesondere davon, wie abwechslungsreich dieses Land ist.

Auch ein paar wirklich schöne Begegnungen hatte ich – sowohl mit „Einheimischen“ als auch mit Pilgern oder anderen Radfahrern – und vor allem das geplante Wiedersehen mit Beata und Annedde (?) in Zamora, die ich in Salamanca kennengelernt hatte, war schön.

Ergänzung: Es ist Freitagmorgen – Ich habe die beiden Umwege ausgelassen und komme somit „nur“ auf 588 Kilometer. Grund: Ich bin gestern eine Stunde später aus den Federn gekommen als geplant, bin ziemlich groggy und schaue mir die Wettervorhersage an: Wind zwischen 30 und 50 KM/H … und leider nicht von hinten. Die Etappe von Carrión de los Condes nach Orbaneja Río Pico wird daher zur bisher heftigsten auf meiner gesamten Tour – mindestens 70 der 588 Kilometer radle ich gegen den Wind an … das macht keinen Spaß mehr sondern ist nur noch Arbeit. So bin ich dann auch froh, als ich gegen 21 Uhr bei Carlos ankomme, auch wenn die Unterkunft etwas anders ausfällt, als ich mir das vorgestellt habe. Zunächst komme ich an die bei warmshowers.org angegebene Adresse, klopfe ans Fenster, ein Mann öffnet die Tür und fragt mich, was ich denn von ihm möchte. Da ich zuvor den Namen am Hauseingang gelesen hatte, bin ich etwas verwundert. Ich erkläre ihm mein „Anliegen“ und er sagt nur … ach so, ja, das ist woanders. Er führt mich ca. 100 Meter einen Feldweg entlang und deutet auf das wahrscheinlich kleinste Haus, das ich je gesehen habe. Ich bedanke mich, er zieht von dannen. Ende vom Lied: ich werde vom „richtigen“ Carlos sehr herzlich in seiner einfachen Behausung empfangen, später mit selbst gemachter Tortilla und Bier verköstigt (inzwischen ist seine Freundin Rebekka hinzugestoßen, die auch super nett ist) und erfahre, dass der Herr, der mich hierher geführt hat, sein Vater ist und dass er – Carlos – dieses Haus in den letzten 4 Jahren selbst gebaut hat, weil er arbeitslos ist und das Verhältnis zu den Eltern etwas angespannt. Auf jeden Fall gehen diese beiden Übernachtungen und die Bekanntschaft mit Carlos in die Liste der ganz besonderen und der besonders schönen Erlebnisse auf meiner Tour ein – das weiß ich jetzt schon, obwohl ja erst eine von zwei Nächten vorüber ist. Jetzt schwing‘ ich mich dann gleich aufs Rad und schau‘ mir Burgos an – heute Abend würde ich Carlos gerne zum Essen einladen, bin aber gespannt, ob er das annimmt. Gestern klang es noch nicht so ganz danach. Bier und Wein werde ich auf jeden Fall mal kaufen und mitbringen – immerhin übernachte ich als Oberstudienrat hier kostenlos bei einem Arbeitslosen. Irgendwie ist mir das peinlich.

*Ich kann mir nicht verkneifen, an dieser Stelle auch mal kurz ein wenig zu „philosophieren“. Als mir der Gedanke über die Umwege kommt, die sich irgendwie immer zu lohnen scheinen, muss ich an unsere Gesellschaft und an unser Bildungssystem denken und daran, was da in den letzten Jahren so die Leitlinien waren: Schulzeit verkürzen, Studienzeiten straffen, Studienfachwechsel finanziell sanktionieren, die Maxime, möglichst geradlinig, schnell und jung in den Beruf … alles echter Schwachsinn. Wenn wir Menschen in verantwortlichen Positionen wollen, die über den Tellerrand hinausblicken und wirkliche Erfahrungen mitbringen, dann müssen sie Umwege und manchmal auch Fehler machen. Aber wahrscheinlich wollen „wir“ das gar nicht …. (sorry, aber ich philosophiere in meinem Blog ja nicht allzu oft ;))

Freitag (12.4.): Salamanca – Zamora: relativ unaufregend, wenn man mal von der ersten Polizeikontrolle absieht, die ich über mich ergehen lasse. Meine Personalien werden festgehalten, ich werde gefragt, was ich mache, wo ich normalerweise und heute übernachte, etc. – und das alles auf einem FELDWEG !!! Auf dem ich ausnahmsweise den Helm nicht aufhabe (was in Spanien Pflicht ist und wo die Nichtbeachtung nach unterschiedlichen Informationen zwischen 70 und 100 €uro kostet).

Samstag (13.4.): Zamora – Figueruelas: schöne und lange Etappe, mit kleinem Umweg zur Iglesia de San Pedro de la Nave, einer von den Westgoten (!) im 7. Jahrhundert erbauten Kapelle, die 1930 Stein für Stein versetzt wurde, weil sie sonst einem Stausee zum Opfer gefallen wäre, und die zu den 3 oder 4 ältesten Kirchen Spaniens gehört. Es folgt die ersten Übernachtung auf einem Campingplatz seit der Algarve – und es ist schweinekalt!

Sonntag (14.4.): Figueruelas – Puebla de Sanabria: eine kurze Etappe, da ich vom Vortag völlig platt bin – und obwohl es nur ca. 50 Kilometer sind, brauche ich fast den ganzen Tag, finde abends aber dennoch ein wenig Zeit, das schöne Puebla und dessen Kastell zu besichtigen. Zu Beginn der Etappe komme ich mit 2 netten Rennradlern ins Gespräch, die mir eine Quelle Zeigen und mich daraufhin ein paar Kilometer den Berg hinauf begleiten, bevor sie wieder umdrehen.

Montag (15.4.): Puebla – Val de San Lorenzo: wieder eine anstrengende aber wunderschöne Etappe – allerdings auch vorbei an einem Waldbrandgebiet, wie ich es zuvor nie gesehen habe – gut und gerne 10 Kilometer fahre ich daran entlang. Abends komme ich im netten Val de … an, in einer schönen Unterkunft bei einem super netten Ehepaar. Er erzählt mir am nächsten Morgen beim Frühstück, dass er beruflich (andere) Motorradfahrer durch die Länder und Wüsten Nordafrikas begleitet.

Dienstag (16.4.): Val de San Lorenzo – Léon: Die Fahrt geht über Astorga (mit dem etwas bizarren von A. Gaudí entworfenen Bischofspalast) nach Léon, der ehemaligen Hauptstadt des gleichnamigen Königreichs, das vor allem aber nicht nur wegen seiner Kathedrale sehenswert ist. Ich komme in einer netten Pension unter, mit schönem Balkon mit Blick und bereite mein Frühstück am nächsten Morgen auf dem Schreibtisch (nachdem ich am Abend eine kleine regionale Weindegustation in einer netten Bar mache).

Mittwoch (17.4.): Léon – Carrión de los Condes: über 100 Kilometer, Traumwetter, tolle Mittagspause in Sahagún mit Sonnenbad. Abends Ankunft in einem alten Kloster, das zum Hotel umgebaut wurde!

Donnerstag (18.4.): Die bisher härteste Etappe der Tour (s.o.) – und das darf sie gerne bis zum Ende bleiben! Ich motiviere mich und bliebe bei der Stange, indem ich alle 5 Kilometer einen Wasser-Obst-Dehnstopp einlege und mir gegen später alle 10 Kilometer ein Stück besonders tolle Schokolade gönne. Dennoch: diese Etappe geht an meine Grenzen … vielleicht auch darüber hinaus, und ich bin froh, dass heute ein Pausentag ist, an dem ich ganz gemächlich hier sitze und schreibe und nachher noch die Kathedrale von Burgos anschauen werde.

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