Alentejo: Castro Verde – Beja – Moura (Dienstag bis Donnerstag)

Am Dienstag lege ich erneut einen Pausentag ein, nicht wegen der Mammutetappe am Vortag sondern weil es erneut den ganzen Tag regnet. Ich erkunde Castro Verde, kaufe eine Kürbis-Nuss-Marmelade und einen Biowein aus dem Alentejo, faulenze und gehe abends lecker essen. Danach lausche ich noch 2 Lieder lang – leider nur von außen, weil ich mich nicht traue zu klopfen – der Probe eines für die Region typischen Männerchores (getragener, mehrstimmiger Männergesang, bei dem sich alle Sänger einhaken und gemeinsam zur Musik bewegen).

Gestern dann eine wunderschöne Etappe von Castro Verde nach Beja – etwas umwegig (Link: http://tinyurl.com/c2lta7m; 85 KM), damit ich von den großen Straßen weg komme und weil ich zunächst noch ein paar Kilometer gepäckfrei in die falsche Richtung fahre, um mir die Kapelle San Pedro das Cabecas anzuschauen. Diese wurde zum Gedenken an die angeblich dort gekämpfte, alles entscheidende Schlacht der portugiesischen Reconquista gebaut und liegt wunderbar auf einem Hügel mit toller Aussicht.
Schön ist die Etappe auch auf Grund ein paar netter und interessanter Begegnungen. Im winzigen Nest Casével fotografiere ich an einem Haus ein Sängerwappen und werde gleich danach herein gebeten – in ein kleines Landwirtschafts- und Folkloremuseum, dessen Besitzer mit Dolmetscherhilfe eines Freundes (oder seines Sohnes?) mir allerhand über die Tradition der bereits erwähnten Singerei erzählt. Quintessenz: die verschiedenen Gruppen begeben sich immer wieder auf Wochenendsängerfreizeiten (auch Wein fließt dabei, erfahre ich), mal hier mal dort im Alentejo. So eben auch im Museum des alten Herrn, das zugleich eine Schänke ist. Ab und an gibt es dann Treffen von 7 oder 8 Gruppen, die gegen- oder eher miteinander singen, essen, feiern und trinken.
Direkt danach – gut gelaunt – traue ich mich, die Alten des Ortes, die sich – wie so oft in Portugal – gemeinsam auf einer Bank versammelt haben, zu fragen, ob ich sie fotografieren darf. Es entsteht ein sehr schönes Foto, wie ich finde, und eine sich aus dem Fenster hinter mir lehnende alte Frau, die das Geschehen beobachtet, spricht mich auf Deutsch an. 43 Jahre hat sie in Hamburg gelebt, ist vor 3½ Jahren in ihr Heimatdorf in Portugal zurückgekehrt und totunglücklich. Nichts los sei hier, ein kleines Dorf … und die Situation in Portugal so trist und schwierig.
Nach meinem nächsten Zwischenstopp in Aljustrel radelt plötzlich ein alter Portugiese neben mir und spricht mich ebenfalls auf Deutsch an: Sebio. 37 Jahre hat er in Paderborn gelebt und gearbeitet, 3 seiner 4 Kinder leben noch in Deutschland, er selbst ist vor 1½ Jahren nach Portugal zurückgekehrt. Er hat offensichtlich etwas Geld angespart, genießt sein Leben in Portugal mit seiner Frau in vollen Zügen, hat aber auch viele gute Erinnerungen an Deutschland. Er fragt mich, wie viele Kilometer man so beladen, wie ich es bin, am Tag schafft – denn er plant, im Sommer von Portugal nach Paderborn zu radeln, ist also ganz interessiert an meinem Projekt.
Beja erkunde ich am Abend und heute Morgen. Die Stadt gefällt mir sehr gut, auch wenn sie leider nicht im besten Zustand ist und um die Altstadt herum aus viel zu vielen Wohnsilos besteht. Heute Vormittag habe ich dort eine weitere interessante und nette Begegnung. Ich komme in einer Galerie, die zugleich als Ausstellungsraum und als Kindertagesstätte dient, mit der jungen Frau ins Gespräch, die die Kinder dort hütet. Wir unterhalten uns über die Situation in Portugal und über meine Beobachtung, dass die Portugiesen viel häufiger und besser Englisch sprechen als die Spanier. Ich erfahre, dass der Fremdsprachenunterricht in Portugal wohl eine ähnlich hohe Stellung einnimmt wie bei uns, dass es z.B. in den Städten Englischunterricht auch schon in der Grundschule gibt, dass ab der 7. Klasse Französisch hinzu kommt und man ab der 9. Klasse Deutsch oder Spanisch wählen kann.

Heute folgt eine eher kurze, aber wieder sehr schöne Etappe: von Beja über Serpa (nur Vorbeifahrt) nach Moura (Link: http://tinyurl.com/cn8w3n2; 57 KM), das mir ebenfalls auf Anhieb wieder sehr gut gefällt. Unterwegs begegnen mir drei Deutsche, die ihren Frühlingsurlaub radelnd hier in Portugal verbringen, und wir unterhalten und ein paar Minuten über deren und über meine Tour. Auch wenn ich wesentlich länger auf Achse bin, ist es einfach schön, ab und zu mal Gleich- oder Ähnlichgesinnte zu treffen.
Als ich in Moura ankomme, ist die Sonne kurz davor unterzugehen und noch ist der zentrale Dorfplatz voll mit Menschen – u.a. mit einer Gruppe musizierender Jugendlicher. Ich genieße die Atmosphäre bei einem Café com Leite, suche mein Hotel auf, drehe noch eine kleine Runde durchs Städtchen und bin baff erstaunt, dass der gleiche Platz – gerade noch voller Leben – eine ¾ Stunde später praktisch leer gefegt ist. Die Sonne ist eben gerade verschwunden!

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2 Kommentare zu “Alentejo: Castro Verde – Beja – Moura (Dienstag bis Donnerstag)

    • Ist auch wunderschön! Ich freu‘ mich auch sehr, Euch Drei bald zu sehen – und wenn das Wetter im Norden halbwegs mitmacht, wird’s auch da toll. Kann mich dunkel an Braga und den Nationalpark dort oben erinnern – 1989 mit Frank, Ingi, Eric und Sabine. Es war toll …

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