Rückblick / Nachtrag: Sevilla (25.11. bis 21.12.)

Tja Mensch, da hatte ich in den letzten6½ Wochen eigentlich ja mehr Zeit als beim Touren und dennoch „musste“ der Nachtrag zu Sevilla bis zum Tag meiner Rückkehr nach Lanzarote warten. So sitze ich gerade – Schande komme über mich – in einer Ryanair-Maschine von Madrid nach Arrecife und beende diesen Eintrag zu Sevilla, den ich vor meinem Abflug nach Seattle am 14.02. begonnen habe. (Inzwischen, 25.02., bin ich seit 28 Stunden auf Lanzarote)
Fast drei Monate ist es her, dass ich – am 25. November – bei 25 Grad (wohlgemerkt um 17 Uhr) in Sevilla ankomme … und die Stadt gefällt mir auf Anhieb sehr gut. Das soll auch bis zu meinem Abschied knapp 4 Wochen später (am 21. Dezember) so bleiben.
Ich beziehe mein Quartier in Triana – einem ehemaligen Gitano-Viertel am Westufer des Rio Guadalquivir. Das Viertel ist einfach, hat wenig von der Eleganz vieler anderer Gegenden im eigentlichen Zentrum Sevillas – aber es hat seinen ganz eigenen Charme, und ich fühle mich hier sehr wohl – auch wenn ich von meinem Quartier zunächst etwas enttäuscht bin. Statt einer Bleibe in der versprochenen WG bekomme ich einen Stock über der (Pseudo-)WG des Hauses in der Calle Prosperidad 38 ein recht spartanisch eingerichtetes Studiozimmer mit eigener „Küchenzeile“ (samt 1-Platten-Kocher und Mikrowelle). Meine Idee, ein WG-Zimmer zu „ordern“, hatte damit zu tun, dass ich andere Sprachschüler/innen kennen lernen wollte und mich u.a. auf gemeinsame Kochabende gefreut hatte – schließlich war ich in den Monaten vor dem Kurs oft und lange genug alleine mit mir! Noch schlimmer: mein Fahrrad darf nicht mit ins Haus – welches ohnehin voller Verhaltensregeln und Verbotsschilder hängt. So sind z.B. pro Person und Tag genau 8 Minuten duschen gestattet, Wäsche waschen darf ich einmal die Woche.
Über die Tage und Wochen gewinne ich mein Quartier aber fast genauso lieb wie Sevilla an sich. Die vielen Regeln haben wohl damit zu tun, dass (junge) Sprachschüler in der Vergangenheit auch immer wieder mal über die Stränge geschlagen haben. Eine kleine Überreaktion der Vermieterin – Concha – die ansonsten wirklich sehr nett ist. Und letztlich muss ich mich auch nicht peinlichst genau an alle Regeln halten, wasche in 4 Wochen 5 mal … ganz ohne Konsequenzen 😉 Auch an das Studio an sich gewöhne ich mich schnell und genieße es – eigenbrötlerisch wie ich manchmal bin – dann doch, einen Rückzugsraum, ein Badezimmer für mich alleine zu haben – sowie eine etwas ungewöhnliche Dachterrasse, die außer mir keiner nutzt (bizarr und wunderschön: Sonnenbäder im Dezember). Ich bin mein eigener Herr, koche die wenigen Male, die ich nicht mit meinen Mitstreitern Anne (aus Mannheim!) und Christian in einer Tapasbar lande, halt für mich ganz persönlich (der 1-Plattenherd und die Mikrowelle erfahren optimal effizienten Einsatz) und versuche, mich trotz aller Versuchungen durch einen LIDL mit Lebkuchen und tollen Konditoreien mit der spanischen Variante von Weihnachtsbäckerei in unmittelbarer Nachbarschaft halbwegs gesund und nicht zu üppig zu ernähren. Schließlich möchte ich meine figurlichen Veränderungen in 4 Wochen Sevilla nicht gleich wieder völlig aufs Spiel setzen.
Auch um den Erhalt meiner wieder gewonnenen Fitness bemühe ich mich ziemlich konsequent: ich werde für 1 Monat Mitglied in einem Fitnessstudio, suche es auch 3 bis 4 Mal pro Woche auf, laufe viel und toure ab und an auch mit meinem Rad, welches noch am ersten Tag 3 Blocks von meiner Unterkunft entfernt einen Tiefgaragenstellplatz bekommt, durch die Stadt bzw. entlang des Guadalquivir.
Mittelpunkt meiner Zeit in Sevilla ist natürlich der Spanischkurs bei LINC: Borja, ein recht junger, super motivierter und kompetenter sowie noch netterer Sevillano, findet die richtige, sehr intensive Mischung aus Konversation und Grammatik, Drill und Spaß … und fordert uns Drei (für eine Woche auch Vier) von Anfang an. Obwohl ich eigentlich ja noch gar kein Spanisch kann, darf auch ich zum Beispiel gleich in der ersten Woche einen Zeitungsartikel meiner Wahl auf Spanisch vorstellen und anschließend mit den Anderen darüber diskutieren – ich entscheide mich für einen Artikel über die Solaranlage, über die ich an anderer Stelle im Blog bereits berichtet habe. In der dritten und für mich letzten Woche erkläre ich Anne und Borja (inzwischen sind wir im Kurs nur noch zu zweit) auf Spanisch, wie Baseball funktioniert. Ich kann selbst kaum glauben, dass ich das halbwegs hinbekomme. Ist ja auf Deutsch schon schwierig genug. Jedenfalls lerne ich in 3 Wochen richtig ordentlich Spanisch – und von Borja auch viel über Land und Leute! – und hätte solche Lust gehabt, meine Sprachkenntnisse bei einem fest vereinbarten Arbeitseinsatz (gegen Kost und Logis) im Januar auf Fuerteventura auszuprobieren und zu festigen. Aber dann kam eben der kleine Hund auf Lanzarote dazwischen und nach 6½ Wochen habe ich befürchtungsweise 80% dessen, was ich gelernt habe, wieder vergessen. Mal schau’n, wie’s ist, wenn ich heute Abend auf die Kanaren zurückkehre.
Wie schon erwähnt, verbringe ich auch außerhalb des Kurses einige Zeit mit Anne und Christian: beim Essen & Trinken – u.a. in unserem Lieblingsrestaurant EsLaVa (sehr empfehlenswert!) – beim Bestaunen der Attraktionen Sevillas – z.B. der größten gothischen Kathedrale der Welt, dem Alcázar Réal und der wunderschönen Plaza de Espana im Parque de Maria Luísa – oder auf Konzerten bzw. bei einem richtig genialen Flamencoabend im Casa de la Memoria.
Darüber hinaus genieße ich die vorweihnachtliche Atmosphäre in der Stadt. Ganz anders als bei uns und dennoch eben vorweihnachtlich: tagsüber zwischen 8 und 20 Grad, oft blauer Himmel, Orangenbäume, unglaublich viele Menschen auf den Straßen und in den Straßenbars und –restaurants (Ja, im Dezember!) … aber eben auch üppige, meist sehr schöne Weihnachtsbeleuchtung, Maronenverkäufer, Räucherstäbchengeruch, Glockenläuten, kleine Weihnachtsmärkte und ein Markt mitten im Zentrum, auf dem über Wochen hinweg an zahlreichen Ständen von Kunsthandwerkern von überall her aus Andalusien ausschließlich Krippenfiguren verkauft werden. Und sie werden nicht nur VERkauft, nein, sie werden in großen Mengen GEkauft – Krippen scheinen bei den Spaniern eine viel größere Rolle zu spielen als bei uns, innerhalb und außerhalb der Kirchen. So erlebe ich beispielsweise an einem Tag bei einer kleinen Tour durch Triana, wie eine Kindergartengruppe samt Betreuerinnen und Eltern einen kleinen Schulausflug zu einer solchen Krippe – mit lebendem Esel! – macht. Die Kinder kommen aus dem (Be)Staunen gar nicht mehr heraus. Und in Sevilla entdecke ich eines Abends eine Schlange von mindestens 150 Menschen, die Ewigkeiten anstehen, damit sie die von einer lokalen Handelskammer aufgestellte Krippe bewundern dürfen. Ein absoluter Höhepunkt des vorweihnachtlichen Sevilla ist eine Lichtshow auf der Fassade des Rathauses, die über mehrere Wochen allabendlich gleich drei oder vier Mal (kostenlos) gezeigt wird. Ich versuche gar nicht erst, sie zu beschreiben – man muss sie einfach gesehen haben! Für meine Sinne ist sie jedenfalls absolutes Neuland und ich bin begeistert.
Gegen Ende meiner Zeit in Sevilla lerne ich dann auch noch Julia aus der Schweiz kennen, die unter mir wohnt und insgesamt 7 Wochen in Sevilla weilt, um Spanisch zu lernen. Auch mit ihr verstehe ich mich sehr gut und wir machen zusammen mit Anne am letzten Wochenende einen Tagesausflug im Mietauto nach Ronda. Im Nachhinein alleine deswegen eine sehr gute Entscheidung, weil ich auf Grund des Unfalls auf Lanzarote und der 6½ -wöchigen Zwangspause ja nun nicht noch einmal in den Süden Andalusiens kommen werde und Ronda sonst auf dieser Tour nicht besucht hätte … und das wäre sehr schade gewesen.
Die letzten vier Tage in Sevilla genieße ich dann ohne Spanischkurs – dafür mit umso größerer Freude an der Stadt, dem Wetter, Essen und Wein – und mache mich am Freitag den 21. Dezember auf in Richtung Arcos de la Frontera. Sevilla, ich werde wiederkommen – vielleicht gleich nächsten Winter, vielleicht ja auch mal im Sommer bei 40 Grad 😉 Aber jetzt bin ich erst mal auf dem Weg nach Lanzarote, wo ich morgen Abend mein Fahrrad abholen und von wo aus ich am Mittwoch mit der Fähre nach Teneriffa weiter fahren werde.

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