(Korsika > Livorno >) Barcelona

Am Morgen des 6. Oktober breche ich um 7 Uhr auf dem Campingplatz San Damiano auf Korsika die Zelte ab (bzw. DAS Zelt), radle flugs nach Bastia und nehme dort die Fähre nach Livorno um 8.45 Uhr. Ich könnte auch die spätere um 13 Uhr nehmen, will aber auf Nummer-super-Sicher gehen, damit ich die Fähre von Livorno nach Barcelona um 23.30 Uhr auf jeden Fall bekomme – die fährt in der Nachsaison nämlich nur noch 1 Mal pro Woche! Ohnehin frage ich mich, wer mit der Fähre von Livorno nach Barcelona fährt und warum ….
Die Überfahrt an diesem Samstagvormittag ist ein Traum – strahlend blauer Himmel und milde Temperaturen. Ich beginne mich, mit dem Gedanken an eine (ökologisch null vertretbare) Kreuzfahrt anzufreunden. Alles läuft glatt und ich bin bereits um 12.30 Uhr in Livorno. Dort finde ich erst einmal heraus, wo die Fähre am Abend ablegt, suche die entsprechende Mole auf und es trifft mich fast der Schlag, da ich bereits jetzt eine Schlange von Hunderten von Autos entdecke, die allesamt die gleiche Fähre nehmen möchten wie ich und – viel entscheidender – ALLE mit Marokkanern und deren, wie es mir scheint – sämtlichen Hab und Gut gefüllt und beladen sind. So etwas habe ich noch nie gesehen – z.T. sind die PKW und Kleintransporter auf deren doppelte Höhe beladen mit Möbeln, Fahrrädern und anderen Gerätschaften. Manche sind richtig ordentlich verpackt, bei anderen sind die Dinge äußerst abenteuerlich auf dem Dach fest geschnallt (habe leider nur EIN ziemlich harmloses Beispiel fotografiert, da ich mich nicht so richtig traute, mit der Kamera drauf zu halten). Irgendwie ist mir das Ganze unheimlich – meine Vorurteile und meine Irrationalität, gepaart mit der Feststellung, dass ein Großteil dieser Leute recht arm sein muss, schlagen zu, ich fahre zum Fahrkartenschalter und frage, ob ich von meinem Liegesessel an Bord auf eine Kabine „upgraden“ könne. Der freundliche italienische Herr am Schalter entgegnet, dass ich dies an Bord tun müsse und rät mir nachdrücklich zu diesem Schritt, indem er sagt: „I think it is better for you,“ sich dabei zu mir nach vorne lehnt und mit dem rechten Zeigefinger die Wange unter seinem rechten Auge nach unten zieht. Meine Entscheidung ist gefallen – das „Upgrade“ wird gekauft, koste es, was es wolle.
Anschließend fahre ich ins Zentrum von Livorno, esse Pizza, schlage mitten in der Stadt mein Zelt auf, um es zu trocknen (manche Italiener schauen mich an, als sei ich obdachlos und wolle an Ort und Stelle übernachten) und schlage die Zeit tot. Gegen 17 Uhr fahre ich dann zurück zur Mole, warte und warte und warte … bis 23 Uhr. Erst dann sind alle ca. 600 marokkanischen Autos und deren Besitzer an Bord – die, wie ich erfahre, nach Tanger fahren – und die Barcelona-Passagiere dürfen ebenfalls auf das Schiff. Sind es 10 oder 15? Nun weiß ich also auch, wer diese wöchentliche Fähre von Livorno nach TANGER ÜBER Barcelona benutzt: ein paar LKW-Fahrer aus Österreich und Deutschland, ein spanisches Paar, das gerade seine Flitterwochen in Italien verbracht hat, ein Spanier aus Valencia, der geschäftlich in Italien unterwegs war, ein junger Italiener, der sein Leben umkrempelt und deshalb gerade dabei ist, seine Pizzeria und seine Wohnung bei Barcelona aufzulösen und wieder nach Italien zurück zu kehren (und jetzt den Mietwagen nach Barcelona zurück bringt) und ich … plus vielleicht weitere 5 nicht identifizierte „Weißhäutige“ … plus ca. 1200 Marokkaner: Männer, Frauen, Kinder.
Auch die Spanier und der Italiener sind sich dabei nicht sicher, um welches Phänomen es sich bei dieser buchstäblichen Karavane handelt: Menschen, die im Sommer in Italien leben und dort am Strand Waren verkaufen und jetzt den Winter in Marokko verbringen? Familien, die eigentlich in Italien leben (die Tatsache, dass die meisten der marokkanischen Kinder Italienisch miteinander reden, spricht dafür), „nach Hause“ fahren und der Großfamilie dort alle möglichen Dinge mitbringen? Das Ganze bleibt für uns ein Mysterium, wir trauen uns auch nicht nachzufragen.
Mein erster Gang an Bord: die Rezeption. Mein Begehr: eine Kabine. Diese erhalte ich dann auch für einen enormen Betrag – sie ist das bisher teuerste „Hotelzimmer“ meiner ganzen Reise – aber ich fühle mich dort irgendwie wohler. Am nächsten Tag lerne ich zusätzlich zu den Spaniern, mit denen ich mich beim Warten in Livorno bereits „unterhalten“ habe, noch den bereits erwähnten Italiener kennen, mit dem ich mich sehr gut verstehe und mit dem ich hoffentlich in Kontakt bleiben werde. Darüber hinaus beschleicht mich im Laufe des Tages das Gefühl, mit meinem Unbehagen am Vorabend wieder mal recht irrational und vielleicht auch ein wenig vorurteilsbehaftet reagiert zu haben. Die Atmosphäre an Bord ist sehr entspannt und auch der junge Italiener, der in aller Öffentlichkeit unter Hunderten von Marokkanern auf einer Couch geschlafen hat, lebt ja noch. Gegen Ende der 20-stündigen Überfahrt wird’s sogar noch richtig schön exotisch: die Marokkaner verwandeln das Schiff in einen schwimmenden Konzertsaal mit arabischer Musik. Jetzt und so gefällt mir das … und dennoch bin ich nicht unglücklich darüber, die Nacht in einer Kabine (mit eigener Dusche und eigenem WC verbracht zu haben).
Auch diese Fährüberfahrt ist darüber hinaus wieder sehr schön. Sonne, Meer (eigentlich selbstredend), ein schöner Sonnenuntergang und eine faszinierende Anfahrt entlang der Küste und auf Barcelona zu. Wir legen um 21 Uhr an – die armen Marokkaner dürfen noch 2 weitere Nächte auf dem Schiff verbringen, bevor sie endlich in Tanger ankommen.
Ich radle zum Hotel – gerade mal 1,4 Kilometer vom Fährhafen entfernt – und werde von meinem Bruder Frank aus den USA empfangen, der geschäftlich in Barcelona ist. Wir verfrachten mein Gepäck samt Fahrrad aufs Zimmer (so schön habe ich es noch nie geparkt), begeben uns für 1 Bier zu seinen beiden Kollegen Simon und Charlie auf den Platz direkt vor dem Hotel, auf dem es an einem 7. Oktober gegen 21.30 Uhr immer noch deutlich über 20 Grad warm ist, und dann in die phänomenale Dachterrassenbar unseres Hotels – mit fast genauso phänomenalem spanischen Rotwein im Ausschank. Besser kann der Barcelona-Aufenthalt gar nicht beginnen.
Am Montag hat mein Bruder frei, wir machen uns auf dem Weg zu DER Sehenswürdigkeit in Barcelona – Gaudís Sagrada Familia, in den 1880ern begonnen und bis heute nicht fertig gestellt – aber ein unglaubliches Bauwerk, das innen wie außen durch seine ganz besondere Atmosphäre begeistert. Die 1,5 Stunden Wartezeit in der Schlange haben sich mehr als gelohnt – ebenso wie das Überwinden schwäbischer Sparsamkeit: zusätzlich zu den 14 €uro Eintritt leisten wir uns einen Audioführer – sehr, sehr interessant und mehr als empfehlenswert.
Die nächsten Tage bin ich tagsüber alleine unterwegs und entdecke, wie vielfältig Barcelona ist und wie toll die Stadt Geschichte und Gegenwart, Tradition und Moderne miteinander verbindet – vom gotischen Viertel mit seinen engen Gassen und teilweise wunderschönen Gebäuden, über tolle und bunte Markthallen, die Hafengegend, etwas chaotischere und ärmlichere Ecken wie die Ramblas de Raval, schöne Parks, Prachtstraßen, die in die Stadt führen, viele tolle Gebäude von Gaudí und anderen Modernistas, hin zum Montjuic mit dem Olympiagelände von 1992 und der eindrucksvollen Plaza Europa und eine flächendeckenden öffentlichen Radausleihsystem. Die Liste ließe sich um ein Vielfaches verlängern. Ein absoluter Höhepunkt für mich ist dann der Donnerstag, an dem ich völlig zufällig – oder eben, weil es mich immer irgendwie nach oben treibt mit dem Rad – eine Via Verda (Rad-, Wander- und Joggingweg) entdecke, der knapp 8 Kilometer lang ca. 100 Meter über der Stadt an deren Stadtrand entlang verläuft und unglaubliche Blicke bietet – aber auch schöne Natur, einschließlich Stachelschweine im Wald (ca. 200 Meter vom Stadtrand entfernt!). Ich bin begeistert und weiß heute schon, sollte irgendwann das Angebot kommen, an die Deutsche Schule Barcelona zu gehen, werde ich nicht zögern – natürlich nicht, weil es hier ein Bauhaus und zig Schleckerfilialen gibt 😉
Abends gehen wir immer wunderbar essen – einmal alleine, ansonsten mit Franks Kollegen, die beide sehr nett sind – und genießen vor allem die tollen Tapas, aber auch die Rotweine in erschwinglichen, aber sehr guten, bei Tripadvisor oder Yelp ausgesuchten Restaurants. Freitagmorgen kommt viel zu schnell, Frank verabschiedet sich um 9 Uhr per Taxi in Richtung Flughafen und ich mache mich trotz grauenerregender Wettervorhersage – 20 bis 40 Liter Regen – per Rad auf den Weg in Richtung Calafell. Schön war’s – vielen Dank an meinen Bruder für die tollen Tage. Super, dass das mit dem Treffen geklappt hat.

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